Theorieecke: Der Mythos vom Schrecken des langen Satzes

Immer wieder hört man, dass selbsternannte Schreibexperten vor dem grauenhaften, bitterbösen, furchterregenden „langen“ Satz warnen. Sie begründen das meistens damit, dass es für den Leser angenehmer sei… Das mag vielleicht stimmen, aber assoziiert bei mir eher den Eindruck ein Kinderbuch zu lesen. Meine Leser dürfen gerne mitdenken und ich vertraue ihnen auch, dass sie einen komplexen Satz verstehen können. Ich will auch nicht sagen, dass man nur hypotaktische Sätze verwenden soll, aber die Mischung macht es, da sich mit langen Sätze schöne Figuren bauen und Effekte erzielen lassen.

Wenn man von hypotaktischen Satzgefügen spricht, kommt man natürlich nicht um das Thema Konjunktionen herum. Es macht, auch wieder meiner Meinung nach, einen riesen Unterschied, ob ich schreibe „während sie die Straße entlangliefen“ oder „als sie die Straße entlangliefen“. Bei ersterem Denke ich an eine lange Zeitspanne, während als schon auf ein bestimmtes Ereignis hindeutet. Dementsprechend kann man den Satz weiter konstruieren, je nachdem ob man eher ein plötzliches, hektisches Gefühl oder Langeweile beim Leser vermitteln will. Man sollte dabei natürlich auch akkurat mit den entsprechenden Verben, Adjektiven und Adverbien arbeiten. Letztendlich macht es schon einen gewaltigen Unterschied, ob man überhaupt Konjunktionen zwischen den Satzgliedern verwendet oder man sie einfach nur durch Kommata abtrennt.

Am besten kann man wohl aber solche Theorien an Beispielen erklären und um zu zeigen, dass ich mir das nicht aus den Fingern sauge, habe ich mir bekannte Gewährsmänner gesucht. Der erste ist Kafka mit „ Der plötzliche Spaziergang“, eine Kurzgeschichte, die aus zwei Sätzen besteht.

Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchteten Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen hinläuft, — dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt. Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht.

Letztendlich möchte ich noch zu einer sehr speziellen, ja ich möchte gar sagen beeindruckenden Form für einen langen Satz kommen: Die Ausdehnung/Ausreizung des Vorfeldes. Das Vorfeld kann in der Regel ein Satzglied aufnehmen. Ein Satzglied kann jedoch aus einem oder mehreren Teilsätzen bestehen. Was dann dabei herauskommt, kann man sehr schön in der deutschen Überstzung von Stephen Kings „Es“ sehen:

„ Und als dann die Sonne unterging, der Tag sich mit einer kalten gelborangefarbenen Linie am Horizont verabschiedete und die ersten Sterne wie Diamanten am Himmel funkelten, erreichte Ben den Kanal“
Zu beachten ist, dass bis einschließlich „funkelten“ alles Vorfeld noch ist, also ein Satzglied ( in dem Fall ein Temporalsatz) ist.

Noch schöner ist vielleicht noch dieses Beispiel aus derselben Quelle :

„ Aber als er schluchzend und atemlos die Ecke seiner Straße erreichte, mit rasend pochendem Herzen, das in seinen Ohren zu dröhnen schien, als er es endlich wagte, einen Blick über die Schulter zu werfen, war die Straße leer.“
Das Vorfeld reicht hier bis „werfen“. Und wenn ihr jetzt den Satz noch einmal lest und auf eure Atmung achtet, werdet ihr feststellen, dass ihr auch ein wenig atemlos seid.

Ich hoffe, dass ich vielleicht bei dem ein oder anderen ein wenig die Angst/Abscheu vor dem langen Satz nehmen konnte.

 

-Cheshirepunk-

2 Kommentare zu “Theorieecke: Der Mythos vom Schrecken des langen Satzes

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