Über Schizophrenie, Emotionen und Spaß am Morden.

Ich habe es getan. Ich habe jemandem das Leben genommen. Ich habe ihn vor ein Auto geschubst und getötet. Und es fühlt sich gut an.

Doch bevor ihr jetzt die Polizei ruft und mir ein paar nette uniformierte Beamte zur Wohnung schickt oder gar im Netz auf Selbstjustiz und Vogelfreiheit pocht:

Ich habe eine Romanfigur getötet. Meine Figur. In meinem Kopf. Mit Worten.

Schlimm genug, denkt ihr? Schließlich sind doch auch „Ballerspiele“ nicht umsonst in aller Munde verpönt. Gewaltverherrlichende Bilder, die einen einladen, sie in die Realität umzusetzen! Schießereien, Kämpfe, blutige Auseinandersetzungen! Pfui!
Was ist dann aber mit der Gewaltdarstellung in Büchern? Sind Autoren/Schriftsteller, die sich unter anderem dem Krimigenre verschrieben haben (was ein Wortspiel!), allesamt gewalttätige hinterlistige Meuchelmörder? Wir beschreiben und umschreiben detailliert die grässlichsten Szenen, lassen uns die schlimmsten Todesarten einfallen, die möglichst qualvoll und bestialisch, aber auch clever sein sollen. Wir wollen den Leser schocken. Wir wollen, dass er sich angewidert abwendet, ehe er vor Neugierde und Kribbeln in den Fingern dennoch weiterliest. Wir wollen ihn süchtig machen. Nach unseren Worten.
Wer hat sich noch nicht Gedanken darum gemacht, wie wohl der perfekte Mord aussähe? Wie machen wir es einem Ermittler in einem Mordfall so schwer wie möglich, eben diesen zu lösen? Wie viele Ecken und Kanten braucht eine Geschichte, um plausibel grausam zu sein? Wir denken uns so viele Gräueltaten und Verschwörungen aus und bringen sie auf noch mehr Weisen zu Papier, dass es doch gar nicht mehr gesund sein kann. Oder?

Na und ob!

Wir sind (Charakter-)Bauherren, Psychologen, Soziologen, Mediziner, Ermittler, Familienplaner und –berater, Liebende, Hassende, Soziopathen, Psychopathen, Kleinkriminelle, Betrüger und Mörder – wir vereinen unglaublich viele Charaktere in uns, dass es fast schizophren wirken könnte. Doch genau das macht einen Schriftsteller, Autor, ja, einen Menschen aus, dass wir uns in jedwede Person hineinversetzen und jede Situation hinterfragen und analysieren können, um sie letztlich in Worte zu fassen. In einem Wort: Vielseitigkeit.
Schreiben ist eine emotionale und besonders intime Angelegenheit, weil wir mit dem geschriebenen Wort unser Innerstes nach außen kehren und der Welt zeigen, was in uns vorgeht. Wir offenbaren unsere größten Ängste, unsere Träume und Hoffnungen, unsere Hochs und Tiefs, vor allem aber unsere dunkelsten Seiten, die wir meist selbst erst in dem Moment entdecken, in dem wir diese ach so kaltherzigen Dinge niederschreiben.

Was bin ich doch für ein Mensch!, wird sich wohl manch einer denken. Wie auch ich, als ich das erste Mal einen Mord beschrieben habe, als ich das erste Mal in den Kopf eines Killers hineingeblickt und mich seltsamerweise pudelwohl gefühlt habe.  War oder ist denn etwas nicht in Ordnung mit mir? Sind solche mit barbarischen Details ausgeschmückte Szenen in meinem Kopf überhaupt noch Teil eines gesunden Geistes oder muss ich darum bangen, dass jeden Moment weißgekleidete Männer in meine Wohnung stürmen und mir eine Jacke umlegen, deren Gebrauch seit den 70er Jahren nicht mehr üblich ist, die aber nur für mich noch ein letztes Mal herausgeholt wird, um mich letztlich in eine Gummizelle zu sperren?

Nein. (Jedenfalls hoffe ich das, dachte sie und blickte sich hektisch im Raum um.)

Wir Schreiberlinge, Schriftsteller, Autoren oder einfach nur die, die gerne mit Buchstaben jonglieren, wir leben mit unglaublich vielen Identitäten in uns und sind in der Lage, bei Bedarf jede einzelne hervorzuholen. Oder sollten es im Idealfall sein. Wer einen Film dreht, hat Schauspieler, die vor der Kamera agieren, aber jeder von ihnen verkörpert nur eine Figur, sie beschränken sich auf das Gefühlsleben einer einzigen Person. Bevor sie aber mit auswendiggelerntem Text vor die Linse treten, muss doch jemand diese Worte, die sie eindrucksvoll echt herausbringen, schreiben? Wieder steckt ein Autor dahinter, der sich in jede Figur hineinversetzt, nein, er erschafft sie. Sie entstehen aus ihm heraus, beziehungsweise sie leben in ihm, noch bevor er ihre Handlungen niederschreibt. Ein Buch oder ein Film – in diesem Fall eher ein Drehbuch – ist eine Ansammlung geballter Emotionen und Charakterzüge einer Person, dem Autor.

Kommen wir zurück zum Krimi. Es gibt nicht nur den Mord samt dem zugehörigen Täter und Ermittler – es kann sich auch um einen Serienmord handeln, das ist aber im Moment irrelevant. Es gibt das Opfer, das eine Familie, Freunde und ein Leben hatte. Es gibt die Umstände, die zum Vorfall geführt haben. Vielleicht gibt es sogar die Schuld von Außenstehenden. Doch die Hinterbliebenen wollen auch in das Geschehen miteingebunden, die Umstände gelöst werden – was ein reines Gefühlschaos verursacht. Im Autor.
Wir versuchen also den Antrieb des Mörders mit dem Kalkül des Ermittlers und der Trauer, Wut und Hilflosigkeit der Angehörigen zusammenzuführen – alles in einer Person, nämlich uns selbst. Das, meine Lieben, ist Kunst. Oder besser: Kunstfertigkeit. Es erfordert ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen, um die Emotionen für den Leser klar verständlich aber auch nachvollziehbar rüberzubringen. Das dürfen wir nie vergessen. Unsere Worte müssen das wiederspiegeln, was wir empfinden, wenn wir diese eine Person im Kopf haben und mit ihr handeln. Wir müssen – ganz wie ein Schauspieler – wie die Figuren denken, wie sie fühlen, wie sie leben. Auf dem Papier. In dem Moment, in dem wir die verkörpern, malen wir mit Worten ein Bild – ein realistisches Abbild. Wir müssen selbst damit zufrieden sein – auch wenn es keinen Autor oder irgendeinen Künstler gibt, der jemals mit seinem fertigen Werk zu 100 Prozent zufrieden ist –, sonst kauft es uns niemand ab.
Wieder ist es wie im Film. Ist das Blut der (menschlichen) Figur blau, ist es einfach nicht realistisch. Lacht die Person, während sie bei lebendigem Leib aufgeschnitten wird, ist es ebenso wenig der Realität entsprechend – es sei denn wir schreiben einen BDSM-Roman, aber das ist eine andere Sparte. Sind spielende Kinder im Bild, während unsere Figuren ein belegtes Grab ausheben, würde das den Zuschauer auch wundern. Genauso gehen wir mit unseren Texten vor. Genauso beschreiben wir den Mord. Möglichst realitätsnah und nach Gefühl.

Vielleicht sind wir diejenigen, die den Mord „begehen“ – der Familie Bruder, Schwester, Mutter, Vater oder sogar das Kind nehmen –, aber der Leser ist es, der verlangt, dass wir es tun. Das hier soll selbstverständlich keine Schuldzuweisung sein, keinesfalls. Es soll nur die Symbiose verdeutlichen, die der Autor durch die Figuren – insbesondere ihre Emotionen – mit dem Leser eingeht. Der Autor verschmilzt mit ihm, indem er genau den Nerv trifft, den letzterer offengelegt hat.
Der Leser will sich für einen Augenblick wie ein Serienkiller fühlen, er will mit den Trauernden weinen – vielleicht auch nur für sich selbst, weil er die Figur liebgewonnen hat –, sich mit dem knitterigen Polizisten ärgern und mit ihm gemeinsam über das Motiv und den Tathergang philosophieren. Er will aus seiner sozialen Rolle herausgerissen und in eine ihm vollkommen fremde Welt hineingesetzt werden. Okay, (dank Hollywood) vielleicht nicht ganz fremd, aber nicht alltäglich. Er will von Dingen lesen, die ihm auf dem Weg zur Arbeit niemals begegnen würden. Er will Bilder vorm geistigen Auge haben, die ihm den Schlaf rauben. Und dennoch genießt er es. Er genießt die Gänsehaut, die wir ihm verpassen, und den Plottwist, der die gesamte Handlung auf den Kopf stellt, obwohl er sich doch so sicher war, wer nun letztendlich der Täter ist. Er hasst das offene Ende, das andeutet, dass die Geschichte weitergehen könnte oder auch nicht, und er liebt es zugleich, zu überlegen, wie es tatsächlich ausgeht. Er findet die blutigen Beschreibungen zu intensiv, blättert aber später wieder zurück, um nachzulesen, ob es der linke oder rechte Ringfinger war, der abgetrennt wurde. Und all diese Widersprüche, diese Gefühlsschwankungen verursachen wir, indem wir nur das niederschreiben, was in unseren Köpfen vorgeht. Na, gibt uns das ein leises Gefühl von Macht? 🙂 (Zu Weber und der Definition von Macht  und evtl. dem Recht des Stärkeren werde ich demnächst noch einen Beitrag in der Theorieecke leisten.)

Der Leser will also, dass wir für ihn „morden“, und wir tun es gern, denn schließlich ist es, für ihn wie für uns, ein Gebiet, das verlockender nicht sein könnte – das perfekte Verbrechen begehen, ohne die Konsequenzen zu durchleben, in die verbotene Frucht beißen, ohne aus dem Garten Eden verbannt zu werden. Denn Eden haben wir erschaffen. Eden ist in uns. Samt Kain und Abel. Wir müssen nur gut genug suchen.

Eure nogusvelo

2 Kommentare zu “Über Schizophrenie, Emotionen und Spaß am Morden.

  1. Pingback: UnserSchreibblock | Worte, Kunst und Veganismus.

  2. Hat dies auf Worte, Kunst und Veganismus. rebloggt und kommentierte:

    Heute habe ich mir mal einen Tag Blog-Bereitschaftsdienst auferlegt und nicht nur meinen eigenen aufgemöbelt, sondern auch „Unser Schreibblock“ durchgeblättert. Neben den tollen Beiträgen von Tinka Beere und Cheshirepunk habe ich auch meine eigenen Kreationen wiederentdeckt. Hehe.
    Da ich zurzeit noch mit meiner Bachelorthesis zu tun habe und mein Kopf sich eher weniger auf „Kill and tell“ (oder irgendeines meiner Projekte) konzentrieren kann, hat es mir recht gut getan, diesen Beitrag erneut durchzulesen. Ein kleiner Boost vom Past-me ans Present-me. 😉

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