[Rezension] Agent 6 – Tom Rob Smith

Agent 6 ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnliches Buch, das ich erst auch eine Weile auf mich wirken lassen musste, bevor ich es rezensieren konnte. Im Nachhinein gefällt mir das Buch doch viel besser als beim Lesen, da mich viele dieser außergewöhnlichen Dinge beim Lesen gestört haben, die ich aber in der Retrospektive gut oder gar nicht mehr so dramatisch halte. Über den Inhalt will ich nicht viele Worte verlieren, da man bei diesem Werk sehr schnell zu viel verraten kann, weil alle Ereignisse recht engmaschig verknüpft sind. Es sei nur so viel gesagt, dass sich die Handlung über fast die gesamte Zeit des kalten Krieges hinweg zieht. Die Hauptfigur ist die meiste Zeit über ein sowjetischer Agent, Leo Demidow, der versucht eine persönliche Tragödie aufzuklären.

Der Roman hat einen Erzählraum über dreißig Jahre und wechselt auch die Hauptfiguren, wobei Leo die Hauptfigur am Anfang und Ende des Romanes ist. Was sich schwerfällig und unübersichtlich anhört, wird gut verständlich erzählt und auch ohne große langschweifige Erzählungen. Man kann sagen, dass es ein echter Pageturner ist. Dem Autor gelingt es wirklich gut auch die innerliche Veränderung des Protagonisten über die Jahrzehnte hinweg darzustellen. Seine Gedanken werden schwerer, langläufiger, ruhiger, während er als junger Offizier noch in klaren, radikalen Strukturen denkt. Die Handlung und der Hintergrund sich schon etwas für Interessierte und/oder die ältere Generation, die zumindest teilweise den kalten Krieg mitbekommen hat. Ich zähle mich zur Gruppe der Interessierten und habe dazu noch mit einem schweren Sowjetfetish zu kämpfen, deswegen hat mich das Grundthema auch so angefixt. Dabei erzählt der Autor jedoch sehr neutral und wertfrei und keine der Seiten kommt in dem Buch wirklich gut oder schlecht weg.

Es gibt zwei Punkte, die ich ein wenig, ich will nicht sagen prinzipiell schlecht, sondern schlecht umgesetzt finde. Der eine ist, dass es kurze Nebenhandlungen/Passagen/Kapitel gibt, die nicht wirklich etwas mit der Haupthandlung zu tun haben. Ich führe meine Leser selbst gerne aufs Glatteis handlungsmäßig, dann aber richtig und nicht irgendwie so halb, bzw. einfach irgendwelche Episoden die unwichtige Hintergründe für nicht relevante Nebenerwähnungen liefern. Aber diesen Punkt finde ich gar nicht so dramatisch. Dramatisch war der zweite. Es wurde eine vollkommen unnötige Liebesgeschichte relativ spät im Roman eingeführt und das hat mich im ersten Moment richtig auf die Palme gebracht. Glücklicherweise war das nur eine kurze Episode und wurde nicht weiter ausgebaut. Persönlich habe ich den Eindruck, dass in beiden Fällen das Lektorat im Nachhinein reingefuscht hat, da sich besagte Szenen nicht so richtig in das Gesamtkonzept einpassen.

Schlussendlich ist es hier ein guter Roman, der mich nicht vom Hocker gehauen hat, aber gut unterhalten. Das Lektorat ist, meiner Meinung nach, grottig gewesen und hat entweder bestimmte erzählhandwerkliche Fehler übersehen oder erst hineingebracht. Ich gebe „Agent 6“ 7/10 KGB-Agenten.

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