Rezension „Das Herz der Sklavin“ von Ninette

C:
Wir besprechen heute das Werk “ Das Herz der Sklavin“ von einer Schriftstellerin, die sich „Ninette“ nennt. Den Begriff Werk benutze ich hier ganz bewusst, da man diesen belletristischen Text nicht so wirklich einer Literaturgattung zuordnen kann – zumindest meiner Meinung nach. Fangen wir damit mal an, wie seht ihr das?

T:
Dann müsste man erst einmal definieren, wo eine Novelle aufhört und ein Roman anfängt.

C:
Also du meinst, dass es eine Novelle ist?

T:
Äh, nö. Nur, dass es schwer zu definieren ist.

N:
In erster Linie stellt sich aber die Frage, warum es so schwer zu definieren ist.

C:
Ja, ich würde sagen, weil es zum einen zwar relativ kurz ist, ok das ist ein subjektives Kriterium, aber das setzt man bei Kurzgeschichten auch an, aber es ist wie ein normaler Roman geschrieben. Deswegen würde ich, wenn ich mich entscheiden müsste, es als Kurzroman auffassen.

T:
Kurzroman hört sich gut an.

N:
Das stimmt, aber soweit ich das erkennen konnte, ist laut der Autorin das Werk noch nicht fertig.
Kurzroman finde ich auch plausibel.

C:
Naja, aber die Handlung ist in sich abgeschlossen.

T:
Man weiß ja nicht, ob es weiter geschrieben wird. Und wir besprechen das, was wir bis jetzt haben.

N:
Ja, aber Ankündigungen der Autorin sollten dennoch nicht außer Acht gelassen werden.

C:
Gewiss, wobei ich in dem Fall sagen würde, dass das Nichtfertigsein sich eher auf die formale Überarbeitung bezieht.

T:
Würde ich auch sagen. Es hat ja schon eine Art Happy End gegeben.

C:
So, aber ich glaube jetz ist der Punkt gekommen, wo wir mal die Handlung umreißen sollten.

T:
Darf ich aus meiner Rezi zitieren? „Die Geschichte Handelt von einer Sklavin, die an einen angesehenen Mann verkauft wird. Nach und nach verliebt sie sich in ihren Herren und auch er scheint weitergehende Gefühle für sie zu haben.“

C:
Ja das trifft es schon ganz gut. Ich möchte nur ergänzen, dass wir ein Setting haben, was altägyptisch angehaucht ist.

T:
Ich finde, die Darstellung ist da sehr gelungen.

C:
Du meinst des Altägyptischen?

T:
Allgemein des Orientalischen. Ich konnte mir durch die Erkärungen das drum herum ganz gut vorstellen.

C:
Ja, wobei ich meine Hand nicht dafür ins Feuer legen möchte, dass es historisch wirklich so korrekt ist.

T:
Muss es das für einen erotischen Roman denn sein? Da liegt der Fokus doch eher auf anderen Dingen.

C:
Ja, wahrscheinlich nicht.

T:
Für einen historisch korrekten Roman ist die Figur des Herren auch zu romantisch dargestellt, finde ich.

N:
In so vielen Dingen ist es in dem Werk recht ungenau bzw. unrealistisch. Aber der Leser einer solchen Geschichte möchte wahrscheinlich auch kein Geschichtsbuch sondern Leidenschaft.
Nicht nur der Herr. Welche Sklaven hatten denn schon solchen Freiraum?

C:
Ja das ist sicherlich richtig, aber ich mag auch die Darstellung des Herrn allgemein in seiner Rolle als „Herr“ nicht so sehr.

T:
Ja, ich auch nicht so. Er ist einfach zu sanft irgendwie.

C:
Also für mich ist der schon sehr stark romantisiert und zwar nach einem sehr weiblichen Idealbild.

T:
Er sollte eigentlich nicht an einer Beziehung zu einer Sklavin interessiert sein im Sinn von Beziehung.

C:
Das sicherlich, wobei ich mir da aber schon vorstellen kann, dass beispielsweise in Rom sich junge Domini oft in ihre Lustsklavinnen verliebt haben.

T:
Zu stark romantisiert ist da schon der richtige Ausdruck. Ist mir auch beim Lesen aufgefallen. Aber da es sich um einen erotischen Roman handelt, muss ja irgendwie Leidenschaft rein und dafür ist nun einmal das Verbotene, sich mehr mit dem Herren aus zumalen, schon interessant.

N:
Vor allem verstehe ich nicht, wie sie sich „verlieben“ können, wenn sie nicht einmal eine normale Konversation haben. Also ist es wieder eine zu stark romantisierte „unmögliche“ Liebe.

T:
Meinst du nicht, dass es Liebe auf den ersten Blick geben könnte?
Auch in solchen Bezeihungskonstellationen?

C:
Ja stimmt, das hat mich aber auch gestört, also mit der fehlenden Konversation zwischen den beiden.

T:
Wobei der starke Mann als Herr, der zudem noch sehr mächtig ist, schon attraktiv auf ein junges Mädchen sein kann.

N:
Das „unmöglich“ war jetzt weniger auf die Liebe auf den ersten Blick bezogen.

T:
Hm, mich gar nicht.

C:
Ja das sicherlich Tinka, aber andersrum?
Lustigerweise, also ich weiß nicht wie ihr das verstanden habt, habe ich den Eindruck, dass seine Liebe und Begehren durch ihren Tanz geweckt wird.

N:
Aber es scheint doch irgendwie, dass diese Konstellation eigentlich nicht zustandekommen kann, ohne dass sie auf das Physische beschränkt wird.

N:
Das mit dem Tanz habe ich jetzt nicht mehr so in Erinnerung, aber das kann durchaus möglich sein.

T:
Ja, stimmt schon.

N:
Eigentlich ist alles, was zwischen ihnen passiert, rein körperlich.

C:
Na das stimmt nicht, sie provoziert ihn ja die ganze Zeit.

T:
Sie wird ja auch von anderen begehrt. Von Horus beispielsweise.

N:
Die Anziehung. Die (nonverbale) Kommunikation. – Ja gut, das stimmt, also das mit der Provokation.

C:
Von Horus, ja – Der auch lustigerweise immer vermittelt, wenn sie Stress haben.
Was ich auch witzig finde: Sie kennen sich kaum und so, aber streiten wie ein altes Ehepaar, schmollen rum ,was ich der Darstellung des Herrn sehr übel nehme, und vertragen sich dann einfach wieder.

T:
Na gut. Zusammenfassend haben wir eine romantisierte, unrealistische Geschichte.

N:
Die historisch nicht korrekt dargestellt wird.

T:
Gut, meinetwegen auch so ausgedrückt.

C:
Was aber bei nem romantischen Roman nicht so wichtig ist, vor allem, da wir nicht wissen, wo es eigentlich genau spielen soll.

T:
Genau.

N:
Aber die Feststellung bleibt.

T:
Richtig.

C:
Ja. – Gut, dann kommen wir wohl zu dem witzigsten Teil: Dem Stil.

T:
Ja, was hat euch denn am Meisten gestört?

N:
Dass sich die Autorin anscheinend nicht die Zeit genommen hat, einmal drüber zu lesen, bevor sie den Text veröffentlicht hat.

C:
Ja, das kann ich so unterschreiben. Also nochmal für die Leser vielleicht:
Es fehlen Satzzeichen, Zeichen zum Markieren der wörtlichen Rede, von der Orthographie will ich gar nicht erst anfangen.

T:
Ja. Es gab einige Dinge, die es anstrengend gemacht haben die Geschichte zu lesen. Für mich waren es die fehlende Zeichensetzung, die sich irgendwann im Laufe des Kapitels eingeschlichen hat.
Und zumindest die ersten beiden Punkte stören erheblich beim Lesen.

N:
Genau.

T:
Da müsste dringend überarbeitet werden.

C:
Und dazu muss ich sagen, das hört sich vielleicht hart an, aber ich finde Autorin hat auch kein gutes Gefühl für Sprache und wie man eine Geschichte erzählt.

N:
Dem stimme ich auch zu. Es erschien mir bei jedem neuen Kapitel, dass sie sich zu Anfang noch Mühe gegeben hat, aber nach den ersten Zeilen schon die Lust daran verlor.

T:
Das vielleicht nicht unbedingt, also, das sie die Lust verloren hat. Vielleicht war sie auch zu sehr in der Geschichte drin und hat so schnell geschrieben. Da kann man allerdings nur munkeln.

N:
Das war jedenfalls mein Gefühl.

C:
Sicherlich, ich meine Beschreibungen fehlen, die kann man einfügen, aber für einen Erotikroman ist mir da zu wenig Erotik drin.

T:
Ich finde es aber schade, dass die Autorin ziemlich offensichtlich ihre eigene Geschichte nicht noch einmal durchgelesen hat. Das wäre ihr doch bestimmt aufgefallen.

N:
Ja, es ist eher nach dem Motto „einmal rein – fertig und weiter geht’s“.

T:
Das kann ich nicht beurteilen, ich lese nicht so viel Erotikromane.

C:
Und die Liebesgeschichte ist überhaupt nicht ausgebaut und auch nicht die Sache mit dem Tanz, was sie als Heldin wirklich auszeichnet, wodurch sie sich abhebt, wird mit einer halben Seite abstrakte Beschreibungen abgetan.

N:
Obwohl ich nicht verstehen kann, warum sie sich noch nie selbst hat tanzen sehen? Ein Tänzer entwickelt ein Gefühl dafür, erst wenn er weiß, wie welche Bewegung wirkt.

C:
Gut, zu der Zeit gab es ja wirklich noch nicht so viele Spiegel, mit Tanzen kenne ich mich auch nicht so aus.

T:
Ich mich auch nicht, aber sicherlich steht nicht ohne grund in jedem balettsaal ein spiegel. Andererseits, über welche Zeit reden wir hier?

C:
Ich schätze mal Frühantike.

T:
Vielleicht ist sie wirklich nur sehr talentiert.

N:
Das kann natürlich auch sein. Klar, aber auch damals wollten die großen Herren gut unterhalten werden und das kostete nun mal auch etwas.

C:
Es wird auch so dargestellt, dass sie das nie wirklich geübt hat.

N:
Aber immerhin: wir haben einen roten Faden in dem Ganzen und das ist die Körperlichkeit.

T:
Das gehört wirklich in die Kategorie unrealistisch.

C:
Das stimmt.

T:
Die Geschichte an sich ist ja schon rund.

C:
Wo wir vielleicht auch mal einen neuen Faden aufnhemen sollten. Also wir sind uns einig, dass es stilistisch und formal schlecht ist. Aber immerhin ist die Geschichte auf Bookrix recht erfolgreich.

T:
Nur die Stilistische umsetzung ist nicht so geglückt, was man durch einiges an überarbeitung aber hinbekommen sollte und zudem kostenlos, da kann man dann schon über einige Dinge hinweg sehen. Professionalität kann man da glaube ich nicht erwarten. Nur, dass ein Autor sein eigenes Werk noch einmal ließt, das schon.

N:
Die Story ist meiner Meinung nach so erfolgreich, weil sie FAST ohne Umschweife direkt in das Geschehen einsteigt und einige emotionale Momente bietet. Was sie aber besonders ausmacht, ist eben die romantische Realitätsferne. Etwas, das im wahren Leben nicht passieren könnte, ist plötzlich möglich – in dem Fall, dass zwei Menschen aus (sehr) verschiedenen sozialen Millieus zueinander finden und sich sogar verlieben.

C:
Na besser kann man es glaube ich nicht auf den Punkt bringen.

N:
Und eine formale Überarbeitung hat das Werk alle Mal nötig.

T:
Ich stimme dem zu.

C:

Damit dann auch vielleicht die vorletzte Frage: Was meint ihr, welche Zielgruppe bedient wird?

T:
Vielleicht alles ab 16? Vielleicht auch eher weibliche Leser als männliche.

C:
Ich habe mich halt immer so gefragt beim Lesen “ Wer steht auf sowas“ und da war ich mir nicht sicher, ob es mehr Hausmütterchen oder Teenagerinnen sind. –
Ja, also ich glaube, dass ich als Mann sagen kann, dass es für die männliche Zielgruppe überhaupt nicht geeignet ist.

T:
Sicherlich nicht die Frauen, die genug Abenteuer in ihrem eigenen Leben haben, vermute ich mal.

C:
Also ich würde die Altersempfehlung ruhig bei 14 ansetzen, weil ich es sexuell nicht sehr explizit fand – natürlich sehr zu meiner Enttäuschung.

N:
Naja, beim prüden Deutschland wäre es wohl doch eher die 16er Grenze.

T:
Ich bin mir wie gesagt beim Alter auch nicht ganz sicher. Aber du hast Recht.

N:
Aber ich stimme zu, dass es an einigen Stellen irgendwie gezwungen oder eher unbeholfen geschrieben ist.

C:
Glaube ich nicht, wenn du siehst, was so im Fernsehen läuft, in den USA sicherlich, aber Sex ist in Deutschland nicht so schlimm. Wir mögen hier ja eher keine Gewalt, aber davon gibt es auch nicht so viel.

N:
Na gut, wahrscheinlich hast du recht. – Da habe ich hin und wieder den Text augenrollend zur Seite legen müssen.

C:
Ja, die Augen habe ich auch sehr oft beim Lesen verdreht und mir gedacht „Really“ ?

N:
Ja! Bei mir genau das gleiche!

C:
Gut, kommen wir vielleicht zum Schluss. Haltet ihr das Werk für Lesenswert und was würdet ihr ihm auf einer Skala von 1-10 geben, wobei 10 das Beste ist?

N:
Ganz spontan: 3

T:
Die Geschichte ist ganz gut, aber nicht so, dass man sie unbedingt lesen muss. Für die Geschichte gibts eine 5, für den Stil, der auf jeden Fall überarbeitet werden muss gibt es eine 2, macht also insgesamt eine 3,5.

C:
Ja. ich schließe mich auch bei der 3 an.

N:
Lesenswert ist es in meinen Augen nicht zwingend. Es ist ein netter Zeitvertreib, wobei ich hier nur die Story selbst meine und die formalen Aspekte ignoriere.

T:
Genau meine meinung- und bei dem stil hab ich auch nur 2 gegeben, weil ich mir die Situationen und Umgebung anhand der Beschreibungen ganz gut vorstellen konnte, und da man am anfang noch satzzeichen hatte.

C:
Alles klar, dann verabschiede ich mich hiermit aus dem Hauptstadtstudio für diesen Monat. Tinka, welches Werk rezensieren wir als nächstes?

T:
Als nächstes lesen wir „Seelengrün“ von Alea-Louise Mai.

C:
Alles klar, ich bedanke mich bei Tinka Beere und Nogusvelo, bis zum nächsten Mal und God bless America. *abblende, Outro *

Über Schizophrenie, Emotionen und Spaß am Morden.

Ich habe es getan. Ich habe jemandem das Leben genommen. Ich habe ihn vor ein Auto geschubst und getötet. Und es fühlt sich gut an.

Doch bevor ihr jetzt die Polizei ruft und mir ein paar nette uniformierte Beamte zur Wohnung schickt oder gar im Netz auf Selbstjustiz und Vogelfreiheit pocht:

Ich habe eine Romanfigur getötet. Meine Figur. In meinem Kopf. Mit Worten.

Schlimm genug, denkt ihr? Schließlich sind doch auch „Ballerspiele“ nicht umsonst in aller Munde verpönt. Gewaltverherrlichende Bilder, die einen einladen, sie in die Realität umzusetzen! Schießereien, Kämpfe, blutige Auseinandersetzungen! Pfui!
Was ist dann aber mit der Gewaltdarstellung in Büchern? Sind Autoren/Schriftsteller, die sich unter anderem dem Krimigenre verschrieben haben (was ein Wortspiel!), allesamt gewalttätige hinterlistige Meuchelmörder? Wir beschreiben und umschreiben detailliert die grässlichsten Szenen, lassen uns die schlimmsten Todesarten einfallen, die möglichst qualvoll und bestialisch, aber auch clever sein sollen. Wir wollen den Leser schocken. Wir wollen, dass er sich angewidert abwendet, ehe er vor Neugierde und Kribbeln in den Fingern dennoch weiterliest. Wir wollen ihn süchtig machen. Nach unseren Worten.
Wer hat sich noch nicht Gedanken darum gemacht, wie wohl der perfekte Mord aussähe? Wie machen wir es einem Ermittler in einem Mordfall so schwer wie möglich, eben diesen zu lösen? Wie viele Ecken und Kanten braucht eine Geschichte, um plausibel grausam zu sein? Wir denken uns so viele Gräueltaten und Verschwörungen aus und bringen sie auf noch mehr Weisen zu Papier, dass es doch gar nicht mehr gesund sein kann. Oder?

Na und ob!

Wir sind (Charakter-)Bauherren, Psychologen, Soziologen, Mediziner, Ermittler, Familienplaner und –berater, Liebende, Hassende, Soziopathen, Psychopathen, Kleinkriminelle, Betrüger und Mörder – wir vereinen unglaublich viele Charaktere in uns, dass es fast schizophren wirken könnte. Doch genau das macht einen Schriftsteller, Autor, ja, einen Menschen aus, dass wir uns in jedwede Person hineinversetzen und jede Situation hinterfragen und analysieren können, um sie letztlich in Worte zu fassen. In einem Wort: Vielseitigkeit.
Schreiben ist eine emotionale und besonders intime Angelegenheit, weil wir mit dem geschriebenen Wort unser Innerstes nach außen kehren und der Welt zeigen, was in uns vorgeht. Wir offenbaren unsere größten Ängste, unsere Träume und Hoffnungen, unsere Hochs und Tiefs, vor allem aber unsere dunkelsten Seiten, die wir meist selbst erst in dem Moment entdecken, in dem wir diese ach so kaltherzigen Dinge niederschreiben.

Was bin ich doch für ein Mensch!, wird sich wohl manch einer denken. Wie auch ich, als ich das erste Mal einen Mord beschrieben habe, als ich das erste Mal in den Kopf eines Killers hineingeblickt und mich seltsamerweise pudelwohl gefühlt habe.  War oder ist denn etwas nicht in Ordnung mit mir? Sind solche mit barbarischen Details ausgeschmückte Szenen in meinem Kopf überhaupt noch Teil eines gesunden Geistes oder muss ich darum bangen, dass jeden Moment weißgekleidete Männer in meine Wohnung stürmen und mir eine Jacke umlegen, deren Gebrauch seit den 70er Jahren nicht mehr üblich ist, die aber nur für mich noch ein letztes Mal herausgeholt wird, um mich letztlich in eine Gummizelle zu sperren?

Nein. (Jedenfalls hoffe ich das, dachte sie und blickte sich hektisch im Raum um.)

Wir Schreiberlinge, Schriftsteller, Autoren oder einfach nur die, die gerne mit Buchstaben jonglieren, wir leben mit unglaublich vielen Identitäten in uns und sind in der Lage, bei Bedarf jede einzelne hervorzuholen. Oder sollten es im Idealfall sein. Wer einen Film dreht, hat Schauspieler, die vor der Kamera agieren, aber jeder von ihnen verkörpert nur eine Figur, sie beschränken sich auf das Gefühlsleben einer einzigen Person. Bevor sie aber mit auswendiggelerntem Text vor die Linse treten, muss doch jemand diese Worte, die sie eindrucksvoll echt herausbringen, schreiben? Wieder steckt ein Autor dahinter, der sich in jede Figur hineinversetzt, nein, er erschafft sie. Sie entstehen aus ihm heraus, beziehungsweise sie leben in ihm, noch bevor er ihre Handlungen niederschreibt. Ein Buch oder ein Film – in diesem Fall eher ein Drehbuch – ist eine Ansammlung geballter Emotionen und Charakterzüge einer Person, dem Autor.

Kommen wir zurück zum Krimi. Es gibt nicht nur den Mord samt dem zugehörigen Täter und Ermittler – es kann sich auch um einen Serienmord handeln, das ist aber im Moment irrelevant. Es gibt das Opfer, das eine Familie, Freunde und ein Leben hatte. Es gibt die Umstände, die zum Vorfall geführt haben. Vielleicht gibt es sogar die Schuld von Außenstehenden. Doch die Hinterbliebenen wollen auch in das Geschehen miteingebunden, die Umstände gelöst werden – was ein reines Gefühlschaos verursacht. Im Autor.
Wir versuchen also den Antrieb des Mörders mit dem Kalkül des Ermittlers und der Trauer, Wut und Hilflosigkeit der Angehörigen zusammenzuführen – alles in einer Person, nämlich uns selbst. Das, meine Lieben, ist Kunst. Oder besser: Kunstfertigkeit. Es erfordert ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen, um die Emotionen für den Leser klar verständlich aber auch nachvollziehbar rüberzubringen. Das dürfen wir nie vergessen. Unsere Worte müssen das wiederspiegeln, was wir empfinden, wenn wir diese eine Person im Kopf haben und mit ihr handeln. Wir müssen – ganz wie ein Schauspieler – wie die Figuren denken, wie sie fühlen, wie sie leben. Auf dem Papier. In dem Moment, in dem wir die verkörpern, malen wir mit Worten ein Bild – ein realistisches Abbild. Wir müssen selbst damit zufrieden sein – auch wenn es keinen Autor oder irgendeinen Künstler gibt, der jemals mit seinem fertigen Werk zu 100 Prozent zufrieden ist –, sonst kauft es uns niemand ab.
Wieder ist es wie im Film. Ist das Blut der (menschlichen) Figur blau, ist es einfach nicht realistisch. Lacht die Person, während sie bei lebendigem Leib aufgeschnitten wird, ist es ebenso wenig der Realität entsprechend – es sei denn wir schreiben einen BDSM-Roman, aber das ist eine andere Sparte. Sind spielende Kinder im Bild, während unsere Figuren ein belegtes Grab ausheben, würde das den Zuschauer auch wundern. Genauso gehen wir mit unseren Texten vor. Genauso beschreiben wir den Mord. Möglichst realitätsnah und nach Gefühl.

Vielleicht sind wir diejenigen, die den Mord „begehen“ – der Familie Bruder, Schwester, Mutter, Vater oder sogar das Kind nehmen –, aber der Leser ist es, der verlangt, dass wir es tun. Das hier soll selbstverständlich keine Schuldzuweisung sein, keinesfalls. Es soll nur die Symbiose verdeutlichen, die der Autor durch die Figuren – insbesondere ihre Emotionen – mit dem Leser eingeht. Der Autor verschmilzt mit ihm, indem er genau den Nerv trifft, den letzterer offengelegt hat.
Der Leser will sich für einen Augenblick wie ein Serienkiller fühlen, er will mit den Trauernden weinen – vielleicht auch nur für sich selbst, weil er die Figur liebgewonnen hat –, sich mit dem knitterigen Polizisten ärgern und mit ihm gemeinsam über das Motiv und den Tathergang philosophieren. Er will aus seiner sozialen Rolle herausgerissen und in eine ihm vollkommen fremde Welt hineingesetzt werden. Okay, (dank Hollywood) vielleicht nicht ganz fremd, aber nicht alltäglich. Er will von Dingen lesen, die ihm auf dem Weg zur Arbeit niemals begegnen würden. Er will Bilder vorm geistigen Auge haben, die ihm den Schlaf rauben. Und dennoch genießt er es. Er genießt die Gänsehaut, die wir ihm verpassen, und den Plottwist, der die gesamte Handlung auf den Kopf stellt, obwohl er sich doch so sicher war, wer nun letztendlich der Täter ist. Er hasst das offene Ende, das andeutet, dass die Geschichte weitergehen könnte oder auch nicht, und er liebt es zugleich, zu überlegen, wie es tatsächlich ausgeht. Er findet die blutigen Beschreibungen zu intensiv, blättert aber später wieder zurück, um nachzulesen, ob es der linke oder rechte Ringfinger war, der abgetrennt wurde. Und all diese Widersprüche, diese Gefühlsschwankungen verursachen wir, indem wir nur das niederschreiben, was in unseren Köpfen vorgeht. Na, gibt uns das ein leises Gefühl von Macht? 🙂 (Zu Weber und der Definition von Macht  und evtl. dem Recht des Stärkeren werde ich demnächst noch einen Beitrag in der Theorieecke leisten.)

Der Leser will also, dass wir für ihn „morden“, und wir tun es gern, denn schließlich ist es, für ihn wie für uns, ein Gebiet, das verlockender nicht sein könnte – das perfekte Verbrechen begehen, ohne die Konsequenzen zu durchleben, in die verbotene Frucht beißen, ohne aus dem Garten Eden verbannt zu werden. Denn Eden haben wir erschaffen. Eden ist in uns. Samt Kain und Abel. Wir müssen nur gut genug suchen.

Eure nogusvelo

Prokrastination – Schieben des Aufgeschobenen und andere verschrobene Angewohnheiten

Wer kennt das nicht? Sobald eine größere Aufgabe vor uns steht – sei es im privaten, akademischen oder beruflichen Bereich –, wird sie so lange und so weit wie nur möglich hinausgezögert und aufgeschoben, bis sie wie eine dunkle alles verschlingende Wolke tief über uns hängt und nichts anderes übrig bleibt, als sie schließlich viel zu spät anzupacken, damit wenigstens die Deadline/Note/Anerkennung/wasauchimmer gerettet werden kann. Übrig bleibt danach nur noch eine Frage:

Warum habe ich mir das angetan?

Scheinbar war die Aufgabe gar nicht so schwer, wie zu Anfang angenommen, sie hat nicht viel Zeit gekostet und es hat am Ende vielleicht sogar Spaß gemacht. Und dennoch wurde sie bis an den Rand der Klippe geschoben, bis sie uns fast mit sich runtergerissen hat.  Die Nerven liegen in den letzten Minuten kurz vor der Abgabe blank, jeder, der es wagt, sich zu nähern, bekommt eine Seite von uns zu sehen, die nicht einmal die eigene Mutter kennt. Würden wir in dem Moment in den Spiegel sehen, wäre es womöglich ein schockierendes Bild.
Wir machen uns damit selbst kaputt, das wissen wir sogar, nur hindert es uns nicht daran, es immer und immer und immer wieder zu tun. Diese leeren Versprechungen uns selbst gegenüber könnten wir uns doch eigentlich sparen, immerhin ist es nicht so einfach, die eigene Person zu belügen. Oder?
Anscheinend schon, denn wir wiegen uns nach (endlich) getaner Arbeit zufrieden in den Gedanken, dass das nächste Mal alles besser wird und wir früher anfangen werden. Das nächste Mal. Ganz bestimmt. Dann wachsen wir über uns selbst hinaus. Reine Lippenbekenntnisse, jedenfalls in den meisten Fällen. Also belügen wir uns mit dieser Strategie nicht nur selbst, sondern laufen zusätzlich Gefahr, unser Gesicht zu verlieren, indem wir scheitern. Immerhin kann es nicht jedes Mal gut ausgehen, es kann auch mal ordentlich in die Hose gehen. Man schafft die Deadline nicht, recherchiert nicht ausreichend oder die Qualität leidet unter dem Druck und der fehlenden Zeit – und was dann? Dann wartet nur noch mehr Arbeit auf uns. Dann müssen Benachrichtigungen geschrieben, Entschuldigungen vorgegaukelt und Versprechen abgegeben werden, die aber zum Schluss wieder nichts wert sind. Hier sollte aber wohl eher ein Fragezeichen stehen. Sind all diese Sachen wirklich nichts wert?
Sie haben sogar einen sehr großen Wert. Sie sollen uns beibringen, uns endlich zu disziplinieren, endlich die Dinge in die Hand zu nehmen, endlich aufzuhören, unsere Arbeit aufzuschieben.
Es ist unangenehm, zugeben zu müssen, dass man nicht in der Lage war, eine einzelne Aufgabe auszuführen. Es ist eine Niederlage für das Ego, für seine eigene Inkonsequenz um Entschuldigung bitten zu müssen. Es ist traurig, denn wir wussten es von vornherein und hätten es ändern können.

Was also tun, wenn es mal wieder soweit ist? Wie kann man dieses wunderbar schreckliche Gefühl der Verdrängung … ja, verdrängen? Könnte man die Prokrastination nicht prokrastinieren? Wenn wir so gut darin sind, wäre es doch ein Leichtes, eben diese Fähigkeit auf unseren geliebten Feind anzuwenden. Feuer mit Feuer bekämpfen eben.

Nein? Warum nicht?

Es sind so viele Faktoren, die uns Dinge aufschieben lassen, Gründe, die, sobald sie ausgesprochen werden, vollkommen sinnfrei und banal klingen. Würden wir die Prokrastination aufschieben, wäre auch diese nur aufgeschoben, wie alles andere auch. Auch sie würde früher oder später wieder an ihren Platz schleichen und sich immer weiter ausdehnen. Doch das ist der Clou. Wir dürfen ihr nicht so viel Raum bieten. Sie muss im Zaum gehalten werden, koste es, was es wolle – außer wertvoller Zeit.

Das Aufschieben selbst ist ein Prozess, der mit Überlegungen hinsichtlich der auszuführenden Arbeit beginnt. Man macht sich Gedanken darum , was auf einen zukommen wird, welche Arbeitsschritte getan werden müssten, um überhaupt in Schwung zu kommen, und schon ist er da, der innere Schweinehund, der uns plötzlich von hinten festhält und ins Ohr flüstert, dass es noch so viele andere Dinge gibt, die man lieber tun kann, als diese eine Sache. Wir haben noch nicht einmal richtig angefangen, uns mit der Aufgabe auseinanderzusetzen, schon blocken wir sie ab. Aber das ist eben der Fehler und hier ein erster Tipp:

Nicht lange fackeln, ran an den Speck.

Ehe wir in Grübeln versinken und uns unnötig viele Sorgen und Gedanken machen – natürlich nur im Hinterkopf, schließlich wollen wir jegliche mit der Aufgabe zusammenhängende Arbeit vermeiden –, ist es besser, sich einfach an die Arbeit zu machen, ohne an die Arbeit zu denken. Verständlich oder? 😉 Roboterartig auf die vier Buchstaben setzen, anfangen und irgendwann kommt entweder der Punkt, ab dem man entweder Spaß an der Sache hat oder wenigstens die Motivation, sie zu beenden, wenn man schon mal angefangen hat.

Der eine oder andere kann das aber vielleicht nicht, sich einfach unverfroren einer wichtigen Angelegenheit widmen; abschalten, bevor man überhaupt einschaltet. Disziplin und Motivation funktionieren auch nicht auf solchem Wege. Richtig?
Gut, dann gewöhnen wir doch diese beiden schüchternen Kollegen Stück für Stück an uns.

Tipp #2: Belohnungen!

Noch bevor man an die Arbeit geht, wird ein Ziel gesetzt, das erreicht werden soll, ehe man sich wieder für eine Weile entspannen kann. Entsprechend muss gleichzeitig eine Belohnung festgelegt werden, die das Erreichen des Ziels noch süßer macht als der Geruch des Erfolgs.
Hier sprechen wir nicht von einem Schokoriegel – obwohl das natürlich auch sein darf, wenn es euch hilft – oder einem neuen Gadget, wofür vielleicht auch noch Geld ausgegeben werden müsste. Ich meine die kleinen Dinge, die für uns so selbstverständlich sind, dass wir sie gar nicht als Belohnung wahrnehmen. Um die Hüften vor lauter Schokolade und den Geldbeutel vor Leerstand zu schützen, gewöhnen wir unsere verwöhnten Gemüter daran, den Alltag als etwas Besonderes außerhalb dieser Arbeit/Aufgabe zu sehen. Für den einen ist es, eine schöne DVD mit dem/der Liebsten anzusehen oder in der eigenen Welt zu versinken, während man sie niederschreibt. Ein Treffen mit dem/der besten Freund/Freundin, spielen mit der Katze, ein schönes Buch, eine YouTube-Session oder was auch immer wir tun würden, wenn wir nicht die Aufgabe zu erfüllen hätten. Kurz gesagt: Womit wir prokrastinieren würden, damit sollten wir uns belohnen. Prokrastination als Belohnung. Klingt komisch, ist vielleicht auch komisch, aber es funktioniert.

Und last but not least…

Tipp #3: Holt. Euch. Hilfe.

Wenn die Aufgabe zuletzt aber doch unüberwindbar scheint und man aus eigener Kraft nicht daran vorbeikommt, muss eine zweite Meinung her, ein frischer Wind, jemand, der uns auf den Hinterkopf haut, um das Denkvermögen anzuregen. Es ist keine Schande, sich einzugestehen, dass man alleine nicht weiterkommt, dass man Hilfe benötigt. Schlimmer ist es, wenn wir uns selbst in eine Ecke drängen, weil kein anderer Weg mehr in Sicht ist. Das kann eine andere Person vielleicht ändern.
Lasst euch von euren Mitmenschen motivieren und anspornen, holt euch Ideen und Inspiration aus ihren Erfahrungen. Jeder wird euch etwas anderes zu erzählen haben, jeder schlägt etwas anderes vor.  Auch ist die richtige Lektüre eine gute Hilfestellung. Hat jemand vor euch schon einmal eine ähnliche Aufgabe bewältigen müssen? Die Ausmaße des WWW dürfen nicht unterschätzt werden. Googelt, was das Zeug hält, stellt Fragen, kotzt euch aus – es gibt immer jemanden, der sich eurer annimmt oder wenigstens versucht, zu helfen, und euch vielleicht einen Kreativitätsboost verpasst.
Saugt das alles auf und nutzt es zu eurem Vorteil. Steckt so viel wie nur möglich in die Aufgabe und ihr werdet zum Schluss nicht von euch selbst enttäuscht sein. Denn letztendlich sind wir unsere schlimmsten Kritiker und wir wollen diesen nervigen Moralaposteln doch keinen Grund zu meckern geben, oder? 😉

In diesem Sinne wünsche ich euch gutes Gelingen bei was auch immer ihr bewältigen müsst und hoffe, dass ich – wenn ich schon nicht geholfen habe – euch wenigstens ein Lächeln aufs Gesicht zaubern konnte oder den einen oder anderen zum Nachdenken gebracht habe.
Quält euch nicht länger selbst und nutzt das, was euch am besten gegen die Aufschieberitis hilft, bis es irgendwann zur Normalität wird. Dann habt ihr gewonnen. 🙂

Eure nogusvelo

P.S. Dieser ganze Eintrag ist eine reine gewaltige Masse an Prokrastination, produziert im besten Hause. Dann starte ich mal bei Tipp #1…