Prokrastination – Schieben des Aufgeschobenen und andere verschrobene Angewohnheiten

Wer kennt das nicht? Sobald eine größere Aufgabe vor uns steht – sei es im privaten, akademischen oder beruflichen Bereich –, wird sie so lange und so weit wie nur möglich hinausgezögert und aufgeschoben, bis sie wie eine dunkle alles verschlingende Wolke tief über uns hängt und nichts anderes übrig bleibt, als sie schließlich viel zu spät anzupacken, damit wenigstens die Deadline/Note/Anerkennung/wasauchimmer gerettet werden kann. Übrig bleibt danach nur noch eine Frage:

Warum habe ich mir das angetan?

Scheinbar war die Aufgabe gar nicht so schwer, wie zu Anfang angenommen, sie hat nicht viel Zeit gekostet und es hat am Ende vielleicht sogar Spaß gemacht. Und dennoch wurde sie bis an den Rand der Klippe geschoben, bis sie uns fast mit sich runtergerissen hat.  Die Nerven liegen in den letzten Minuten kurz vor der Abgabe blank, jeder, der es wagt, sich zu nähern, bekommt eine Seite von uns zu sehen, die nicht einmal die eigene Mutter kennt. Würden wir in dem Moment in den Spiegel sehen, wäre es womöglich ein schockierendes Bild.
Wir machen uns damit selbst kaputt, das wissen wir sogar, nur hindert es uns nicht daran, es immer und immer und immer wieder zu tun. Diese leeren Versprechungen uns selbst gegenüber könnten wir uns doch eigentlich sparen, immerhin ist es nicht so einfach, die eigene Person zu belügen. Oder?
Anscheinend schon, denn wir wiegen uns nach (endlich) getaner Arbeit zufrieden in den Gedanken, dass das nächste Mal alles besser wird und wir früher anfangen werden. Das nächste Mal. Ganz bestimmt. Dann wachsen wir über uns selbst hinaus. Reine Lippenbekenntnisse, jedenfalls in den meisten Fällen. Also belügen wir uns mit dieser Strategie nicht nur selbst, sondern laufen zusätzlich Gefahr, unser Gesicht zu verlieren, indem wir scheitern. Immerhin kann es nicht jedes Mal gut ausgehen, es kann auch mal ordentlich in die Hose gehen. Man schafft die Deadline nicht, recherchiert nicht ausreichend oder die Qualität leidet unter dem Druck und der fehlenden Zeit – und was dann? Dann wartet nur noch mehr Arbeit auf uns. Dann müssen Benachrichtigungen geschrieben, Entschuldigungen vorgegaukelt und Versprechen abgegeben werden, die aber zum Schluss wieder nichts wert sind. Hier sollte aber wohl eher ein Fragezeichen stehen. Sind all diese Sachen wirklich nichts wert?
Sie haben sogar einen sehr großen Wert. Sie sollen uns beibringen, uns endlich zu disziplinieren, endlich die Dinge in die Hand zu nehmen, endlich aufzuhören, unsere Arbeit aufzuschieben.
Es ist unangenehm, zugeben zu müssen, dass man nicht in der Lage war, eine einzelne Aufgabe auszuführen. Es ist eine Niederlage für das Ego, für seine eigene Inkonsequenz um Entschuldigung bitten zu müssen. Es ist traurig, denn wir wussten es von vornherein und hätten es ändern können.

Was also tun, wenn es mal wieder soweit ist? Wie kann man dieses wunderbar schreckliche Gefühl der Verdrängung … ja, verdrängen? Könnte man die Prokrastination nicht prokrastinieren? Wenn wir so gut darin sind, wäre es doch ein Leichtes, eben diese Fähigkeit auf unseren geliebten Feind anzuwenden. Feuer mit Feuer bekämpfen eben.

Nein? Warum nicht?

Es sind so viele Faktoren, die uns Dinge aufschieben lassen, Gründe, die, sobald sie ausgesprochen werden, vollkommen sinnfrei und banal klingen. Würden wir die Prokrastination aufschieben, wäre auch diese nur aufgeschoben, wie alles andere auch. Auch sie würde früher oder später wieder an ihren Platz schleichen und sich immer weiter ausdehnen. Doch das ist der Clou. Wir dürfen ihr nicht so viel Raum bieten. Sie muss im Zaum gehalten werden, koste es, was es wolle – außer wertvoller Zeit.

Das Aufschieben selbst ist ein Prozess, der mit Überlegungen hinsichtlich der auszuführenden Arbeit beginnt. Man macht sich Gedanken darum , was auf einen zukommen wird, welche Arbeitsschritte getan werden müssten, um überhaupt in Schwung zu kommen, und schon ist er da, der innere Schweinehund, der uns plötzlich von hinten festhält und ins Ohr flüstert, dass es noch so viele andere Dinge gibt, die man lieber tun kann, als diese eine Sache. Wir haben noch nicht einmal richtig angefangen, uns mit der Aufgabe auseinanderzusetzen, schon blocken wir sie ab. Aber das ist eben der Fehler und hier ein erster Tipp:

Nicht lange fackeln, ran an den Speck.

Ehe wir in Grübeln versinken und uns unnötig viele Sorgen und Gedanken machen – natürlich nur im Hinterkopf, schließlich wollen wir jegliche mit der Aufgabe zusammenhängende Arbeit vermeiden –, ist es besser, sich einfach an die Arbeit zu machen, ohne an die Arbeit zu denken. Verständlich oder? 😉 Roboterartig auf die vier Buchstaben setzen, anfangen und irgendwann kommt entweder der Punkt, ab dem man entweder Spaß an der Sache hat oder wenigstens die Motivation, sie zu beenden, wenn man schon mal angefangen hat.

Der eine oder andere kann das aber vielleicht nicht, sich einfach unverfroren einer wichtigen Angelegenheit widmen; abschalten, bevor man überhaupt einschaltet. Disziplin und Motivation funktionieren auch nicht auf solchem Wege. Richtig?
Gut, dann gewöhnen wir doch diese beiden schüchternen Kollegen Stück für Stück an uns.

Tipp #2: Belohnungen!

Noch bevor man an die Arbeit geht, wird ein Ziel gesetzt, das erreicht werden soll, ehe man sich wieder für eine Weile entspannen kann. Entsprechend muss gleichzeitig eine Belohnung festgelegt werden, die das Erreichen des Ziels noch süßer macht als der Geruch des Erfolgs.
Hier sprechen wir nicht von einem Schokoriegel – obwohl das natürlich auch sein darf, wenn es euch hilft – oder einem neuen Gadget, wofür vielleicht auch noch Geld ausgegeben werden müsste. Ich meine die kleinen Dinge, die für uns so selbstverständlich sind, dass wir sie gar nicht als Belohnung wahrnehmen. Um die Hüften vor lauter Schokolade und den Geldbeutel vor Leerstand zu schützen, gewöhnen wir unsere verwöhnten Gemüter daran, den Alltag als etwas Besonderes außerhalb dieser Arbeit/Aufgabe zu sehen. Für den einen ist es, eine schöne DVD mit dem/der Liebsten anzusehen oder in der eigenen Welt zu versinken, während man sie niederschreibt. Ein Treffen mit dem/der besten Freund/Freundin, spielen mit der Katze, ein schönes Buch, eine YouTube-Session oder was auch immer wir tun würden, wenn wir nicht die Aufgabe zu erfüllen hätten. Kurz gesagt: Womit wir prokrastinieren würden, damit sollten wir uns belohnen. Prokrastination als Belohnung. Klingt komisch, ist vielleicht auch komisch, aber es funktioniert.

Und last but not least…

Tipp #3: Holt. Euch. Hilfe.

Wenn die Aufgabe zuletzt aber doch unüberwindbar scheint und man aus eigener Kraft nicht daran vorbeikommt, muss eine zweite Meinung her, ein frischer Wind, jemand, der uns auf den Hinterkopf haut, um das Denkvermögen anzuregen. Es ist keine Schande, sich einzugestehen, dass man alleine nicht weiterkommt, dass man Hilfe benötigt. Schlimmer ist es, wenn wir uns selbst in eine Ecke drängen, weil kein anderer Weg mehr in Sicht ist. Das kann eine andere Person vielleicht ändern.
Lasst euch von euren Mitmenschen motivieren und anspornen, holt euch Ideen und Inspiration aus ihren Erfahrungen. Jeder wird euch etwas anderes zu erzählen haben, jeder schlägt etwas anderes vor.  Auch ist die richtige Lektüre eine gute Hilfestellung. Hat jemand vor euch schon einmal eine ähnliche Aufgabe bewältigen müssen? Die Ausmaße des WWW dürfen nicht unterschätzt werden. Googelt, was das Zeug hält, stellt Fragen, kotzt euch aus – es gibt immer jemanden, der sich eurer annimmt oder wenigstens versucht, zu helfen, und euch vielleicht einen Kreativitätsboost verpasst.
Saugt das alles auf und nutzt es zu eurem Vorteil. Steckt so viel wie nur möglich in die Aufgabe und ihr werdet zum Schluss nicht von euch selbst enttäuscht sein. Denn letztendlich sind wir unsere schlimmsten Kritiker und wir wollen diesen nervigen Moralaposteln doch keinen Grund zu meckern geben, oder? 😉

In diesem Sinne wünsche ich euch gutes Gelingen bei was auch immer ihr bewältigen müsst und hoffe, dass ich – wenn ich schon nicht geholfen habe – euch wenigstens ein Lächeln aufs Gesicht zaubern konnte oder den einen oder anderen zum Nachdenken gebracht habe.
Quält euch nicht länger selbst und nutzt das, was euch am besten gegen die Aufschieberitis hilft, bis es irgendwann zur Normalität wird. Dann habt ihr gewonnen. 🙂

Eure nogusvelo

P.S. Dieser ganze Eintrag ist eine reine gewaltige Masse an Prokrastination, produziert im besten Hause. Dann starte ich mal bei Tipp #1…