7 Schreibhürden und wie du sie überwindest

1. Keine Zeit

Die wohl beliebteste Ausrede von Autoren ist: Ich habe keine Zeit zum Schreiben. Dummerweise muss ich dir jetzt sagen, dass Stephen King genauso wie du nur einen 24-Stunden-Tag hat. Es kommt einfach nur darauf an, wie man seine Zeit einteilt. Klar, der Brotjob muss gemacht werden, Schule und Uni dürfen nicht vernachlässigt werden, Kinder schreien und Haustiere lechzen nach Beschäftigung. Aber nun kommt das Gute: Das Problem ist nicht, dass du zu wenig Zeit hast – du hast genug! -, sondern dass du sie nicht gut einteilst und keine Prioritäten setzt.

3 meiner Tipps für dich (wenn du nur einen beherzigst, hast du schon etwas Zeit zum Schreiben gewonnen)

  • Entweder stehst du früher auf oder du bleibst länger wach (bitte die Option wählen, die dir angenehmer erscheint)
    Es muss keine Stunde sein, fünf oder zehn Minuten sind nicht tragisch. Und diese fünf oder zehn Minuten hast du jetzt mehr. Und verschwende diese Zeit nicht mit Facebook, Instagram, Youtube oder sonstigen Aktivitäten. Du wärst doch auch nicht mehr online, wenn du schon schlafen würdest 😉 Ergo, keine verschwendete Zeit.

  • Wenn du ewig auf sozialen Netzwerken rumhängen kannst, dann setz dir Fristen. Die meiste Zeit verbringen wir doch sowieso nur damit, auf Kommentare oder Antworten zu warten. Hab ich nicht recht?

  • Wartezeiten nutzen
    Wenn ich Nudeln koche, dann kommen sie in einen Topf mit kaltem Wasser und Salz – Deckel drauf – Timer auf 20 Minuten. Diese Zeit könnte ich wunderbar zum Schreiben nutzen. Und ich meine nicht nur Wartezeiten beim Kochen. Beobachte doch mal, wie viel Zeit du mit Warten verbringst – nur an einem Tag. Du wirst überrascht sein.

2. Nicht der richtige Ort

Hast du dann endlich Zeit zum Schreiben freigeschaufelt, taucht das nächste Problem auf: Der perfekte Ort zum Schreiben ist nicht da. Die Illusion vom Autoren, der im Café schreibt, ist sicher vielen Schreibern bekannt. Ausprobiert haben es wahrscheinlich wenige und noch weniger kommen damit klar.

Die Wahrheit ist, dass du, wenn du dich an die Tipps oben hältst, niemals innerhalb der freigeschaufelten Zeit in das nächste Café oder in den Park (oder was auch immer dir Romantisches vorschwebt) kommst, es sei denn, du wartest auf eine heiße Schokolade und bist schon vor Ort.

Und ganz ehrlich: Wer braucht schon den perfekten Ort zum Schreiben, wenn er Autor ist. In der Regel dauert es doch nicht lange und du bist in deiner eigenen Welt versunken. Und auch ein unordentlicher Schreibtisch sollte dich nicht am Schreiben hindern. Tauche in deine Geschichte ein und wenn du zurück bist, dann kannst du immer noch aufräumen.

3. Keine Ideen

Du hast Zeit und sitzt an irgendeinem Ort, fährst den PC hoch, wenn du nicht eben sowieso schon bei Facebook deinen Status geupdatet hast: „Ich schreibe jetzt.“ oder „Wer schreibt mit?“

Und fünf Minuten später antwortest du auf die Kommentare – Du hast dein Ziel erreicht: Du schreibst. Sogar mit anderen. Nur nicht an einer Geschichte. Und das ist das Problem.

Schaff dir ein Ideenglas an oder ein Notizbuch, das immer bei dir ist. Schreibe jede noch so kleine Idee auf. Vielleicht möchtest du auch ein Traumtagebuch führen, in dem du jedes noch so absurdeste Szenario festhältst.

Leider kommen die Ideen nicht unbedingt, wenn man aufs Papier oder den Bildschirm starrt. Du musst bereits wissen, was du schreiben willst.

4. Ich muss planen

Vor Verzweiflung fangen dann viele erst einmal an, zu planen. Sie erschaffen große Welten und planen sich so um den Verstand. Klar ist es toll zu wissen, wie die Welt genau aussieht und sicher brauchen viele die Planung, aber sie muss doch nicht in deine Schreibzeit fallen. Es gibt so viele Arbeiten, bei denen deine Hände das eine machen, dein Kopf sich aber mit etwas ganz anderem beschäftigen kann. Bitte nicht beim Autofahren, das könnte gefährlich werden. Aber beim Kochen, Bügeln, Staubsaugen, ja sogar beim Lesen können dir Dinge für deine Geschichten, Welten oder Charaktere in den Sinn kommen. Du denkst sie gut durch. Und bevor du sie wieder vergisst, schreibst du sie schnell auf.

Wenn du aber das Glück hast, über den Luxus zu verfügen, mit dem Bleistift in der Hand zu denken und dennoch genug Schreibzeit zu haben, dann tu es.

5. Wie fange ich an?

Der sagenumwobene erste Satz. Er muss perfekt sein. Er muss einfach und der Rest, der danach kommt, sollte auch wuppen, denn sonst legt der Leser das Buch weg und nimmt sich ein anderes mit in den Lesesessel.

Warum machst du dir zu viel Druck? Dein Buch ist noch nicht einmal geschrieben und du hast schiss, dass es keiner lesen will? Merkst du, wie unschlau das ist? 😀 Schreibe doch einfach deine Geschichte ab der zweiten Seite oder skizziere die Erste nur in Stichpunkten: Was soll passieren? Wer ist da? Was ist wichtig, deutet vielleicht sogar schon auf das Ende hin? Wenn du viel geplant hast, dann kannst du die Fragen bestimmt beantworten, wenn nicht ist das auch kein Weltuntergang.

Das Wichtigste ist für dich, in dem Moment, in dem dein Buch vielleicht nur eine Idee in deinem Kopf ist, dass du sie aufschreibst. Trau dich schlecht zu schreiben. Mach dir klar, dass es erst mal nur um die Story geht. Du hast noch so viele Möglichkeiten an der ersten Seite herumzudoktern. Aber was willst du mit der perfekten ersten Seite, wenn der Rest nicht mehr kommt?

Wenn du es schaffst, dann schreibe einfach, ohne nachzudenken, habe keine Angst, dass Müll dabei herauskommt, und überlasse den Feinschliff dem Autor, der das fertige Buch in den Händen, bzw. in einer Datei sehen kann.

6. Wie schreibe ich weiter?

Du hast eine Geschichte angefangen und weißt nicht mehr weiter? Vielleicht ist der Abstand von heute und dem Tag, an dem du zuletzt geschrieben hast riesig? Dann lies die Geschichte erst einmal in Ruhe bis zu dem Punkt, an dem du jetzt bist. Ändere nichts! Keine Grammatik, keine Rechtschreibung, keine Namen. Absolut gar nichts! Das Einzige, was erlaubt ist, dass du dir Notizen machst, aber auch nur höchstens am Rand oder als Kommentar im Dokument. Nicht im Fließtext, das könnte zu schnell in einer ersten Überarbeitung ausarten. Das wollen wir nicht.

Hast du die Geschichte wieder verinnerlicht? Idealerweise auch das Gefühl für die Stimmung zurückbekommen, dann schau dir an, was ich im 5. Punkt geschrieben habe. Ist jetzt ja im Prinzip das Gleiche. Es geht nur um die Story, überarbeitet wird später.

7. Meine Geschichte ist scheiße!

Keine Panik, an diesen Punkt kommt jeder Autor mal. Zweifel sind normal, und auch wenn es schwer ist, versuch weiter zu schreiben. Vielleicht hilft dir auch eine kleine Pause, aber übertreib es nicht. Denn je weiter du aus der Geschichte raus bist, desto schwieriger ist es, wieder reinzukommen.

Wichtig ist es, dass du dich entspannst und dich fragst, was ist an der Geschichte scheiße.

Ist sie scheiße geschrieben? Dann mach eine Aussage aus der Frage. Die erste Fassung ist nie perfekt. Du willst wahrscheinlich zu viel auf einmal und hast zu hohe Ansprüche. Deine Geschichte ist noch nicht fertig = du musst noch nicht überarbeiten!

Gefällt dir die Idee nicht mehr? Dann lass deine Geschichte ein wenig liegen. Aber das ist wohl in den seltensten Fällen so, denn du hast diese Geschichte ja schreiben wollen, also muss dich das Thema/die Idee mal gefesselt haben.

Scheint dir die Welt ein wenig schief zu sein oder die Charaktere nicht rund und in 3D? Dann hau dir an den Kopf, denn du bist schon wieder im Überarbeitungsmodus. Wenn du eine Geschichte hast, dann kannst du noch viel ändern, klar, wird das aufwendig und kostet Zeit, aber Zeit, in der du etwas zu tun hast, erscheint dir viel besser genutzt zu sein, als Zeit, die du nicht genutzt, auf deinem Stift gekaut, aufs Papier gestarrt oder auf Facebook rumgedaddelt hast. Und wenn du glaubst, dass du dennoch zu wenig Zeit zum Schreiben hast, schau dir den ersten Punkt noch mal an 😉

Theorieecke: Der Mythos vom Schrecken des langen Satzes

Immer wieder hört man, dass selbsternannte Schreibexperten vor dem grauenhaften, bitterbösen, furchterregenden „langen“ Satz warnen. Sie begründen das meistens damit, dass es für den Leser angenehmer sei… Das mag vielleicht stimmen, aber assoziiert bei mir eher den Eindruck ein Kinderbuch zu lesen. Meine Leser dürfen gerne mitdenken und ich vertraue ihnen auch, dass sie einen komplexen Satz verstehen können. Ich will auch nicht sagen, dass man nur hypotaktische Sätze verwenden soll, aber die Mischung macht es, da sich mit langen Sätze schöne Figuren bauen und Effekte erzielen lassen.

Wenn man von hypotaktischen Satzgefügen spricht, kommt man natürlich nicht um das Thema Konjunktionen herum. Es macht, auch wieder meiner Meinung nach, einen riesen Unterschied, ob ich schreibe „während sie die Straße entlangliefen“ oder „als sie die Straße entlangliefen“. Bei ersterem Denke ich an eine lange Zeitspanne, während als schon auf ein bestimmtes Ereignis hindeutet. Dementsprechend kann man den Satz weiter konstruieren, je nachdem ob man eher ein plötzliches, hektisches Gefühl oder Langeweile beim Leser vermitteln will. Man sollte dabei natürlich auch akkurat mit den entsprechenden Verben, Adjektiven und Adverbien arbeiten. Letztendlich macht es schon einen gewaltigen Unterschied, ob man überhaupt Konjunktionen zwischen den Satzgliedern verwendet oder man sie einfach nur durch Kommata abtrennt.

Am besten kann man wohl aber solche Theorien an Beispielen erklären und um zu zeigen, dass ich mir das nicht aus den Fingern sauge, habe ich mir bekannte Gewährsmänner gesucht. Der erste ist Kafka mit „ Der plötzliche Spaziergang“, eine Kurzgeschichte, die aus zwei Sätzen besteht.

Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchteten Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen hinläuft, — dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt. Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht.

Letztendlich möchte ich noch zu einer sehr speziellen, ja ich möchte gar sagen beeindruckenden Form für einen langen Satz kommen: Die Ausdehnung/Ausreizung des Vorfeldes. Das Vorfeld kann in der Regel ein Satzglied aufnehmen. Ein Satzglied kann jedoch aus einem oder mehreren Teilsätzen bestehen. Was dann dabei herauskommt, kann man sehr schön in der deutschen Überstzung von Stephen Kings „Es“ sehen:

„ Und als dann die Sonne unterging, der Tag sich mit einer kalten gelborangefarbenen Linie am Horizont verabschiedete und die ersten Sterne wie Diamanten am Himmel funkelten, erreichte Ben den Kanal“
Zu beachten ist, dass bis einschließlich „funkelten“ alles Vorfeld noch ist, also ein Satzglied ( in dem Fall ein Temporalsatz) ist.

Noch schöner ist vielleicht noch dieses Beispiel aus derselben Quelle :

„ Aber als er schluchzend und atemlos die Ecke seiner Straße erreichte, mit rasend pochendem Herzen, das in seinen Ohren zu dröhnen schien, als er es endlich wagte, einen Blick über die Schulter zu werfen, war die Straße leer.“
Das Vorfeld reicht hier bis „werfen“. Und wenn ihr jetzt den Satz noch einmal lest und auf eure Atmung achtet, werdet ihr feststellen, dass ihr auch ein wenig atemlos seid.

Ich hoffe, dass ich vielleicht bei dem ein oder anderen ein wenig die Angst/Abscheu vor dem langen Satz nehmen konnte.

 

-Cheshirepunk-